wie Dramaturgie Lebenshilfe sein kann

Woran liegt es, dass uns die Geschichten fremder Menschen in Bann schlagen? Warum können wir mit den Figuren aus Filmen und Büchern ebenso mitfühlen, wie mit dem unbekannten Nachbarn unserer Freundin, von dem sie uns beim Kaffee erzählt?
Und warum glauben wir über bestimmte Menschen, was über sie erzählt wird – unabhängig vom Wahrheitsgehalt der Geschichte – und bei manchen können wir uns einfach nicht vorstellen, dass sie tatsächlich getan haben sollen, was sie – bewiesener Maßen – getan haben?

Jede Menge Wissenschaftler – Philosophen, Psychologen, Ethnologen und andere – haben genau darüber geforscht und nach Antworten dafür gesucht, wieso der Mensch in der Lage ist sich in andere Lebewesen hinein zu versetzen. Sogar so stark, dass ihm beim anschauen von Filmen die Tränen kommen, wenn etwas trauriges oder rührendes geschieht.
Schopenhauer beantwortet die Frage, durch was solch intensives Mitgefühl möglich wird, so: „Mein wahres inneres Wesen existiert in jedem Lebenden … Diese Erkenntnis … ist es, die als Mitleid hervorbricht, auf welcher daher alle ächten, d.h. uneigennützigen Tugend beruht und deren realer Ausdruck jede gute Tat ist.“
Joseph Campell dachte ähnlich: „Die Metaphern aller Mythologien lassen sich als Affekt-Zeichen definieren, gewonnen aus Ahnungen eben dieses Spiels des Selbst durch all die Formen regionaler Lebensweisen, wie sie sich in ritualisierten Darstellungen, didaktischen Erzählungen, Gebeten, Meditationen, Jahresfesten und dergleichen bekunden, und zwar so, dass alle Angehörigen der jeweiligen Gemeinschaft im Denken wie im Fühlen an dieses Wissen gebunden werden und so zu einem Leben in Einigkeit gebracht werden können.“

Es gibt Grunddramaturgien, die wir alle kennen. Weil wir sehr viel bereits selber erlebt haben. Und genau deshalb sind wir in Bann geschlagen, weil es uns bekannt vorkommt wie groß die Sehnsucht ist, wenn auf der Titanic ein junger, armer Mann die schöne, reiche Frau erobert. Die Sehnsucht nach dem geliebt werden, die Sehnsucht nach dem fernen Amerika, die Sehnsucht nach dem Leben, dass wild und neu ist und erobert werden will.
Titanic kennen wir alle! Ham wir schon erlebt! Is nen bekannter Hut! Der Film hat eine Grunddramaturgie, über das erobern, siegen und verlieren. Er erzählt vom Mann der mit Leichtigkeit alles riskiert und alles verliert. Und er erzählt von der Frau, die erweckt wurde und ihr restliches Leben mit der Sehnsucht nach dem süßen Geschmack des hemmungslosen Risikos weiter leben musste, weil sie überlebt hatte. Der Film Titanic erzählt davon, dass der Mensch bereit ist große Risiken einzugehen. Wie süß der Geschmack des Risikos sein kann, das weiß jeder – Dass der Preis dafür hoch sein kann, auch.
Ein paar Menschen würden in ihrem Leben nicht auf den Geschmack des Risikos verzichten wollen. Viele lassen sich kurz davon mitreißen und sind dann froh, dass es nur ein Film war…

Wieso berührt uns jetzt eine bestimmte Dramaturgie so viel mehr als alle anderen? Weil es unsere ist. Weil wir genau damit hadern, daran uns aufreiben und diese Hürde immer wieder nehmen müssen.
Weil wir einen Weg gefunden haben, wie wir wieder aufstehen, wenn wir gestürzt sind und weil genau das uns so sehr ausmacht. Weil wir unsere Geschichte nach einem Grundthema schreiben und uns deshalb dann besonders wieder erkennen, besonders berührt sind, wenn wir dieses Thema in anderem Kontext erzählt bekommen.

Der Luxus für das eigenen Leben beginnt, wenn ich meine Grunddramaturgie kenne und deshalb meinen „Mythos“ selber ausgestalten kann. Denn dann kann mir auffallen, welche Variation meiner Grundthematik ich vielleicht noch nicht probiert habe und kann mich vertrauten Herausforderungen ganz bewusst mal anders und neu stellen UND mir dabei doch treu bleiben.