Danke liebe Personaler und Geschäftsführer,

img_0965_ng-fotografie_final-kopie

immer mal wieder kommen Klienten zu mir, weil sie nach oder bei einem Bewerbungs- oder Mitarbeitergespräch das Feedback bekommen haben, sie seien „nicht authentisch“!

Ich will mich echt nicht beschweren! Diese undefinierte und nicht zu überprüfende verbale Keule verschafft mir immer wieder spannende Klienten. Denn zu wem geht man, wenn man gesagt bekommt, man sei irgendwie nicht authentisch rüber gekommen?

Zu jemandem, der sich mit dem „guten-rüberkommen“ beschäftigt.
Also zu mir!
Dieser leicht inflationäre und merkwürdige Gebrauch des Wortes „Authentizität“ sorgt also dafür, dass ich Geld verdiene.
Danke dafür!

Leider ist dieses Wort oft nur die beste aller denkbaren Ausreden. Denn wenn man nicht genau benennen kann, was einem am Auftreten des Anderen eigentlich stört, dann kommt diese ominöse „Authentizität“ ganz gut gelegen. So muss man nicht deutlich sagen, was man nicht genau benennen kann oder was einen tatsächlich stört, man aber aus „Höflichkeit“ lieber nicht sagen möchte.

Ich bin gar nicht die Einzige, die sich über den gehäuften Einsatz dieses Wortes ereifert. Viele Trainer und Führungspersönlichkeiten sind lesbar schwer genervt vom Anspruch „authentisch“ sein zu sollen. Nur auch hier wird des Wort nicht im richtigen Kontext benutzt.

Hier lautet die Klage dann: „Es sei keines Falls immer richtig so zu wirken, wie man sich fühle!“
NATÜRLICH NICHT! Aber darum geht es bei „Authentizität“ ja auch nicht!
Authentizität bedeutete „ECHT WIRKEN“!
Nicht „echt SEIN“ und auch nicht „GUT wirken“.

Bei Wikipedia wird Authentizität so definiert:

Eine als authentisch bezeichnete Person wirkt besonders echt. Sie vermittelt ein Bild von sich das vom Betrachter als real, urwüchsig, unverbogen, ungekünstelt wahrgenommen wird. Dabei muss es sich nicht um die realen Eigenschaften des Betrachteten handeln. … Authentizität bezeichnet eine kritische Qualität von Wahrnehmungsinhalten … , die den Gegensatz von Schein und Sein als Möglichkeit zu Täuschung und Fälschung voraussetzt.

Authentizität kann also nur dann ein Argument gegen einen Bewerber sein, wenn er den Eindruck vermittelt hat seine Gesprächspartner irgendwie getäuscht zu haben.
Es wird aber meist benutzt wenn Unstimmigkeiten im Auftreten des Bewerbers mit den eigenen Erwartungen an ihn, der Grund für die Ablehnung sind. Wirklich unangenehm ist dabei, dass dieses Feedback so tut, als sei es hilfreich und leider mehr Ratlosigkeit hinterlässt, als Hilfe zu sein.
Hilfreicher wäre man sagt direkt, dass das Auftreten zum Beispiel zu zurückhaltend für eine Geschäftsführerposition war.

Vielleicht bietet der inflationäre und diffuse Gebrauch des Wortes „Authentizität“ ja einfach nur eine wunderbare Gelegenheit für deutsche Höflichkeit.
Die gibt es nämlich wirklich. Zu erkennen an diffuser und unkonkreter, oft nur zwischen den Zeilen ausgesprochener, Kritik. Ein Form der Höflichkeit die das „Problem“ einfach auf später verschiebt und dabei hofft, dass man zu diesem späteren Zeitpunkt nicht mehr involviert ist. Wenn man es dann doch ist kann es passieren, dass man dann – ziemlich unhöflich – bereits total wütend ist, denn man hat ES ja schon so oft angesprochen.
EBEN! AN- und nicht AUS-gesprochen.

In letzter Zeit ist mir da noch so ein Wort unter gekommen. Du ahnst es vielleicht? 😉
„Empathie“!

Auch hier hilft Wikipedia:

Empathie bezeichnet die Fähigkeit und Bereitschaft, Gedanken, Emotionen, Motive und Persönlichkeitsmerkmale einer anderen Person zu erkennen und zu verstehen.

Es ist also nicht die Fähigkeit auf das, was man wahrnimmt angemessen zu reagieren. Auch nicht die Fähigkeit die eigenen Gefühle dabei zu managen. Es heißt einfach: „ich kann fühlen, was Du fühlst.“
Menschen mit besonders ausgeprägten empathischen Fähigkeiten sollen potentiell bessere persönliche Beziehungen, sich selber und andere stärker motivieren können, sie genießen oft größeres Vertrauen von anderen und man sagt ihnen nach schneller lernen zu können.

Ob jemand allerdings tatsächlich emphatisch IST, kann man von aussen leider oft nicht so einfach erkennen. Normalerweise möchten wir mit unserem Inneren nicht so gerne nach Aussen treten. Es macht uns sehr verletzbar. Deshalb haben wir dafür Vermeidungsstrategien entwickelt. Diese verursachen manchmal, ganz ungewollt, falsche Eindrücke bei Anderen.

Eine wirklich hilfreiche Kritik würde also direkt und ohne „Modeworte“ sagen, was stört und warum.
Klar kommt man, wenn man die beiden „Zauberworte“ weg lässt und ausspricht was diese sonst verschleiern, eventuell mit seiner eigenen Empathie in Kontakt. Man sieht nämlich direkt ob man den anderen gekränkt oder verletzt hat. Das ist nicht immer angenehm…

Alleine die Beantwortung der Frage ob jemand zum Beispiel überhaupt so ein „harter Hund“ sein möchte oder nicht, sorgt oft schon dafür, dass sie oder er anschliessend wesentlich direkter und unmittelbarer auftritt und oft sofort beim nächsten Gespräch schon umsetzt, was beim letzten Gespräch noch geholpert hat.

Also auch im Namen meiner ehemaligen Klienten: Danke! Denn JEDE Kritik kann ein Turbolader für die persönliche Entwicklung werden… 😉