Über die Herausforderung seinen Platz NICHT einzunehmen

Als Teenager bin ich ein paar Mal in Situationen geraten, in denen es ratsam war einfach den Mund zu halten. Plötzlich unsichtbar werden, war eine sehr gute Strategie. Und eigentlich konnte ich das recht gut.
Doch eines Nachts hat mich irgendwas geritten und ich habe es nicht gemacht.
Statt dessen habe ich so einem Typen, der mich auf eine besonders eklige Art nach einer Zigarette gefragt hat, mit „Nö. Für dich nicht!“ geantwortet.
Schwupps hatte ich seine Hände an meinem Hals. 
Meinen zwei Freundinnen verdanke ich, dass alles noch mal gut gegangen ist. Die eine hat sich wagemutig dazwischen geworfen und die andere sich von hinten an SEINEN Hals gehängt.
Kaum standen wir dann, schwer ausser Atem, hinter der nächsten Ecke, bekam ich von der einen Freundin heftig eine geknallt. „Merk dir das hier: Leg dich nie mit einem Betrunkenen an!“

Dieser Satz ist seid dem Gesetzt für mich!
Nicht nur wenn einer zu viel getrunken hat, ist es ab und an richtig sich NICHT zu behaupten, seinen Platz NICHT einzunehmen. Manchmal zur eigenen Sicherheit, manchmal für die Sicherheit anderer und manchmal einfach nur, weil so unnötiger Reibungsverlust vermieden wird…

Nur, das fällt mir soooo schwer!

Es gibt bestimmte Themen bei denen reagiere ich, als wäre ich nicht besonders vernunftbegabt. Da gerate ich innerlich in eine Art Panik und will einfach nach vorne und es sofort klären. Bei anderen Themen glaube ich schlicht, es besser zu wissen UND vor allem dass es irre wichtig ist meine Sicht jetzt, hier und sofort deutlich zu machen. Es kam auch schon vor, dass ich diesen Impuls mehrmals hintereinander hatte, obwohl ich gerade eben genau damit bereits gescheitert war.

Ja. Es gibt diese Impulse in mir. Immer noch. Vermutlich wird es sie immer geben.
Aber ich folgen ihnen nur noch ganz, ganz selten 😉
Und wenn, dann bemerke ich es heute sehr schnell und kann den Notausgang aus der Situation suchen.

Ich bin eine große Schwester. Und wenn ich ganz ehrlich bin, dann fühlen sich diese Impulse fast alle so an, wie es sich damals angefühlt hat wenn mein kleinerer Bruder sich mir gegenüber hatte durchsetzen wollen. Damals sind unsere Streitereien in ordentliche Keilereien ausgeartet.
Von den drei Grundreaktionen, auf die wir alle zurückgreifen wenn wir uns wirklich bedroht fühlen, „Tod stellen“, „weglaufen“ oder „zuschlagen“, ist meine vermutlich das „zuschlagen“.
Wer mich kennt, weiß dass ich recht klein und nicht besonders trainiert bin. Das war schon immer so. Zuschlagen war also schon immer eine wenig erfolgversprechende Reaktion.
Deshalb habe ich mich auch (ausser mit meinem Bruder und dieses eine Mal mit dem betrunkenen Schnorrer) nie geprügelt.
ABER ich streite und argumentiere und oft ist dabei mein Impuls etwas „drastisches“ zu sagen schneller, als ich denken kann.

Es gibt in meinem Leben, privat und beruflich, Menschen die mir nicht gut tun oder sogar richtig auf die Nerven gehen. Das kennst Du sicherlich auch. Und egal wer das ist, oft ist eine probate Lösung im Umgang mit diesen Personen NICHT auf deren Vorlagen einzugehen…
…und – auf die Gefahr mich zu wiederholen – das fällt mir sooo schwer!

Mittlerweile gelingt es mir aber immer besser – ich nutze meine Schauspieltechnik dafür.

Schauspieltechniken sind, runter gebrochen, eigentlich nur dazu da Trigger zu erfinden, zu setzen und abrufbar zu machen. Und zwar so, dass die Figur genau dann wenn das Buch es sagt, genau so reagiert wie das Buch es sagt.

Ich kann mich gut daran erinnern was für ein tolles Gefühlsgefühl es war, als ich plötzlich raus hatte wie ich so einen Trigger auf der Bühne willentlich herstellen kann. Quasi Impulskontrolle anders rum. Das hat so einen unglaublichen Spaß gemacht!

Es hat dann aber noch ein paar Jahre und eine berufliche Neuorientierung gedauert, bis ich gemerkt habe dass ich den Schalter, mit dem ich den Trigger auf der Bühne bewusst anschalte, im „normalen“ Leben auch für die Kontrolle meiner Impulse einsetzen und so dafür sorgen kann, meine Kommunikation deutlich reibungsärmer zu gestalten.

Wenn Du das auch lernen möchtest, dann ist hier die Anleitung für Dich:

  1. Lerne den Impuls kennen – wenn Dich ein Trigger packt, übe Dich darin ihn zu erkennenMeistens merken wir erst viel „zu spät“, dass wir wieder dem Trigger-Impuls gefolgt sind. Beim lernen es anders zu machen ist es egal WANN Du es merkst, wichtig ist DASS Du es merkst.
    Egal wie „spät“ Du es merkst, übe genau dann einfach anzuhalten.
    In vertrauensvollen Beziehungen kannst Du um eine Auszeit bitten, bei allen Anderen red Dich von mir aus raus, wechsle abrupt das Thema, geh kurz zur Toilette, bitte um ein Glas Wasser… leg eine Pause ein!
    Mit der Zeit wirst Du den Impuls immer früher wahrnehmen und bald erwischt Du ihn BEVOR Du ihm folgst.
  2. Triff eine Entscheidung – wie willst Du zukünftig reagierenFür Deine persönlichen „Standart-Trigger“ kannst Du Dir „Standart-Handlungen“ ausdenken.
    Gerade in bereits verfahrenen Beziehungen, wirst Du vermutlich nicht lange nachdenken müssen, was Deine „Standart-Trigger“ sind.
    Jetzt kannst Du Dir überlegen was Du in solchen Situationen eigentlich erreichen willst und was Dein Gegenüber bräuchte, um das zu zulassen.
    Schon hast Du ein Ziel und ahnst was Du tun kannst, um dieses Ziel zu erreichen. Im Schauspiel nennt man das eine „action“. Das könnte zum Beispiel ein Satz sein wie: „Ihr zeigen wie sehr mich ihre Worte verletzen“ (damit wir zusammen eine neue gemeinsame Lösung finden können) oder „Sein Lieblingsthema anschneiden“ (damit er einen guten Grund hat nicht mehr über das unangenehmen Thema vor dem Rest der Belegschaft zu reden) oder auch „Ihm beweisen dass ich die Stärkere bin“ (um nicht mehr jeden Tag von vorne diskutieren zu müssen). Das „um zu“ in den Sätzen ist nur für Dein eigenes Verständnis, Deine innere Akzeptanz. Der erste Teil sollte etwas sein, was du jederzeit wirklich TUN kannst!
  3. Nutz den Trigger NEU und ANDERS – übe Deinen Impuls in die neue Richtung zu steuernSobald Du gelernt hast Deinen Trigger rechtzeitig zu erkennen und weißt, was Du anstelle der automatisierten Reaktion lieber machen möchtest, kannst Du Dich darin üben Deinen Trigger neu und anders zu nutzen.
    Es ist ein bisschen so als wenn du ein ICE wärest, der an einer bestimmten Weiche bisher IMMER nach Rechts gefahren ist und nun die Weiche nach Links nimmt. Es hat ein enormes Tempo. Du muss verdammt aufmerksam sein. Im Grunde musst Du jedoch eigentlich nur ein Schalter umlegen…
    Wenn Du alles gut durchdacht hast und mit etwas Übung, lenkst Du Deine Beziehungen so in weniger anstrengende und deeskalierende Gefilde.

Meine sanfte und wundervolle Freundin aus Teenagerzeiten kann sich heute lustiger Weise nicht mehr an das Ereignis mit dem betrunkenen Kerl und unsere kleine Rangelei erinnern. Ich dagegen habe diesen Moment des Schreckes nach dem Schreck niemals vergessen.

Noch heute höre ich ihre Stimme wenn ich mal wieder los presche, irgendwas klar stellen möchte, wenn es besser wäre meinen Platz jetzt NICHT einzunehmen und dann lass ich es.

 

Wenn du auch mehr darüber erfahren möchtest, wie du Schauspieltechniken und Achtsamkeit für dein Selbstregulation nutzen kannst. Schau doch mal hier vorbei: https://www.anmohe.de/emotions-management-training/