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das schmeckt nach mehr

Foto: Nina Grützmacher

„Riekchen! Riekchen! Das schmeckt nach meehr!“

 

Mein Urgroßvater saß – wie immer – auf seinem Schaukelstuhl in seiner Ecke, genoss sichtlich seine Schokoladenstückchen und…

…ich war sowohl fasziniert als auch irritiert.

Der alte Mann war mir eh ein Rätsel: er war grundsätzlich freundlich, lachte immer noch viel und gerne. Doch sein Hörgerät war meistens ausgeschaltet und es kostete ihn immer enorme Mühe und war ein irrsinniges Gefummel, wenn er doch mal was verstehen und sein Gerät dafür anschalten wollte.

Da ich sehr laut direkt in sein Ohr brüllen musste, wenn ich ihm was von meiner Uroma ausrichten sollte, war mein Bedürfnis mich mit ihm zu unterhalten fast nicht vorhanden.
Doch dass er laut und verzückt rumschrie, weil er fand Schokolade schmecke nach Salzwasser, das war eines der großen Rätsel meiner Kindheit.

Vielleicht hattest Du sowas ja auch? Ich meine Rätsel, die Du einerseits einfach so hingenommen hast und die dich andererseits jedesmal wieder erstaunt haben, als Du ein Kind warst.

Ich schätze ich war bereits zehn als ich endlich begriff, dass es immer schon das andere MEHR war, dass er meinte.
Das etwas nach „noch-mehr“ schmecken konnte, war irgendwie eine linguistische Cleverness, für die ich erstmal alt genug werden musste.
Und bis es soweit war bestaunte ich meinen Uropa.
Einen Mann, der offenbar das Meer so sehr liebte, wie auch ich das tat und immer noch tue.
So sehr, dass er sogar bei etwas was er über die Maßen gerne aß, sofort an selbiges denken musste.

Und bis ich meinen inhaltlichen Dreher entdeckte, hatte sein Satz für mich sogar eine gewisse Logik: denn das Meer ist weit und nach dem Meer kommt immer noch was, da ist eben noch mehr Meer hinter dem Meer…

Seine Stimme kann ich heute noch hören.
Sein verzücktes Lächeln, wenn er offenbar die Süße der Schokolade auf der Zunge schmeckte, heute noch sehen. Und mein Erstaunen, über diesen merkwürdigen alten Mann, heute noch spüren.
Und wenn ich heutzutage jemanden einen ähnlichen Satz sagen höre – und immer wenn ich am Meer bin – dann denke ich an den alten Mann in seinem Schaukelstuhl, der noch zu Kaiserzeiten vor den Toren von Berlin geboren wurde, zwei Kriege überlebt hat und von der Elektrifizierung über das Telefon und das Auto, bis zum Fernseher so derartig viel Neues in sein Leben hat integrieren können, ohne seine Begeisterung für Schokolade einzubüßen.

Sein Satz ist mir machnmal ein Fels in der Brandung der Veränderung!

Ich bin sehr dankbar, dass ich mit Urgroßeltern habe aufwachsen können, die mir ihren Blick auf die Welt aus ihrem Zeitwinkel mitgegeben haben. (Was mir unter anderem regelmäßig heftige Rügen meiner Uroma über die Nachlässigkeit meiner Kleidung und meiner Haare eingebracht hat. – Sie konnte verdammt autoritär sein!)

Vor ein paar Tagen hat ein Freund meines Sohnes vermutet, dass es wohl an dem gegenwärtigen Tempo der Veränderung und der Anforderungen liege, dass heute so viele Menschen „einen Burnout und so weiter“ bekommen würden.

Ich glaube das nicht!

All das was meine Urgroßeltern (und alle anderen in ihrer Zeit) an Veränderungen erlebt haben, die Umwälzungen, die sich während ihres Lebens ereigneten, all das war gewaltig!
Und trotzdem war am Ende die Schokolade für meinen Opa immer noch süß und meine Oma hat noch zu ihrem 99. Geburtstag ihre Enkel und Urenkel um sich versammelt und bestimmt, wer was in der Küche machen soll.

Um mit Veränderung gut umzugehen und sie zulassen können und das Beste aus ihr zu machen, dafür braucht es vielleicht nichts weiter als das Wissen, dass die leckeren Sachen einfach nach MEEHR schmecken.

In dem Sinne wünsche ich dir viel von diesem Meehr hinter dem Meehr, wenn Du jetzt nach Hause fährst oder deine Kinder zu Besuch kommen oder Du mit deinen Nachbarn kochst.
Und wenn es doch wieder dramatisch wird in der jährlichen Nähe an Weihnachten, dann denk vielleicht an das Meehr und genieß es!
Auf einen leckeren Rutsch in die nächste Veränderung!

Wir sehen uns in 2017!!!