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wie TIG Notaro erst so richtig erfolgreich wurde, als sie Witze über ihren Krebs machte

tig

Ich habe eine neue Heldin. Die Stand-uperin Tig Notaro!
Eigentlich finde ich sie großartig, weil ihre Energie so völlig anders ist als meine. Weil sie so cool ist und trotzdem Menschen bewegt. Weil ihr Humor trocken und easy ist.
Und weil sie ein Profi auf der Bühne ist.

Ich habe die Aufzeichnung eines Auftrittes von ihr gesehen, in dem sie einen Black-out hat. Mitten in einer Story, die sie schon zig mal erzählt hat.
Ich kannte die Story bereits aus anderen Aufzeichnungen.
Keine der anderen erreicht die Intensität und Brillianz dieser Version. Der Auftritt mit dem Black-out ist grandios.
TIG redet darüber, dass sie gerade keine Ahnung hat, wie die Story weiter geht. Windet sich (verglichen mit ihrer sonst so coolen Art) vor aller Augen und lacht zusammen mit dem Publikum über ihre Hilflosigkeit.
Und als sie dann den Faden wieder gefunden hat, erzählt sie den Rest der Geschichte. So präzise. Sie lässt es so krachen. Ich hab noch Abends beim dran denken in der S-Bahn, laut lachen müssen.

Sie selber sagt über sich, sie habe erst durch einen Auftritt, in dem sie Witze über ihren Krebs gemacht hat, gelernt sich wirklich zu zeigen.
Ja! Das hat sie gemacht.
Sie ist am Abend nach der Diagnose „beidseitiger Brustkrebs“ und mit ihrer Angst, vor all dem was da auf sie zu kam und vor dem Tod, auf die Bühne gegangen und hat davon erzählt.

„Hallo. Ich bin TIG und ich habe Krebst.“ hat sie, cool wie immer, gesagt und die Zuschauer haben gelacht.
Sie sagte, dass sei kein Witz und die Leute haben gelacht.
„Ehrlich. Ich werde vielleicht sterbe.“ Und es wurde gelacht und es gab ein „ouh“.
Und sie hat weiter gemacht und die Leute haben gelacht und geweint und waren still und haben gelacht.

Es gibt von dem Abend keine Videoaufzeichnungen, nur Sounds und Erzählungen. Louis CK hat aus dem Zuschauerraum gesmst: „TIG schreibt gerade Comedy Geschichte.“
Am nächsten Tag waren TIG’s Socialmedia Kanäle, ihr Mailaccount und ihr Anrufbeantwortet voll bis oben hin.
Ihr Auftritt hat eingeschlagen wie eine Bombe.
Seid dem boomen ihre Podcasts, Ihre Shows sind voll und sie ist ständig in Talkshows.

Es ist vermutlich eine enorme Erfahrung mit dieser Angst auf die Bühne zu gehen, sie zu teilen und dann auch noch Witze drüber zu machen.
Vielleicht hat es ihr in dem Moment geholfen sich von ihrer Angst zu distanzieren. Bestimmt. Irgendwie.
Sie hat sich jedoch zu gleich sehr verwundbar gemacht. Das Publikum hätte geschockt sein können. Es hätten ebenfalls betroffene Menschen im Publikum sitzen können, die es nicht ertragen.
Das Publikum war geschockt und betroffen und im Lachen und Weinen offenbar (nach allen Berichten) vor allem sehr verbunden. Verbunden mit TIG und mit allen anderen im Raum.

Verbundenheit ist ein enormer Trost. Für fast alles.
Ich glaube der Abend war deshalb so ein durchschlagender Erfolg, weil sie sich mit ihrer schwärzesten Angst zur Verfügung gestellt hat, in Kontakt war mit sich UND dem Publikum. Und weil sie dem Publikum vertraut hat.

Wenn ich mich und zugleich mein Gegenüber wahrnehme, dann kann ich auch inhaltlich viel riskieren. Wenn dann noch eine oder (wie hier) viele Emotionen geteilt werden, dann kann ich mich richtig aus dem Fenster lehnen.
Und dann ist Lachen wirklich eine verdammt gute Medizin.

Unangenehm wird es NUR, wenn ich mich eben NICHT zeige.
Wenn ich ein Bild von mir zeigen. Ein Bild von dem ich denke, dass ich so sein sollte oder dass ich, wenn ich auf eine bestimmte Art bin, die Leute irgendwie so besser erreiche. Wenn ich im Modus eines Abbildes von mir Privates teile, DANN beginnt das Fremdschämen!
DANN wird die Sache für die Zuschauer oder Zuhörer unangenehm.

Ich glaube nicht, dass TIG ohne Aufregung auf die Bühne gegangen ist. Es wird sogar erzählt dass die coole TIG fast durchgedreht ist vor Aufregung vor diesem Auftritt.
Sie hat sich nicht vorgenommen irgendwie zu sein. Im Gegenteil sie war bereit sich wirklich zu zeigen. Mit ihrer Angst vor ihrem Tod, mit ihrer Wut und Fassungslosigkeit hat sie Witze über ihre Brüste und über Gott gemacht.
Und sie hat sich ihren Zuschauern in diesen Abgründen gezeigt. Sie hat keine Maske benutzt. Sie hat einfach all das was sie kann und all das was an Gefühlen in ihr ist, dem Publikum angeboten. So konnte das Publikum ihre privatesten und schwärzesten Gefühle zeigen und ausschliesslich Zugewandtheit und vermutlich sogar Liebe erfahren.

Natürlich wollen wir uns schützen, wenn wir so persönlich, so privat werden. Und dann liegt es Nahe sich ein Bild von sich selber zu schaffen und das zu zeigen.
Leider wird so keine Geschichte geschrieben, so rocken wir vielleicht Inhalte, niemals aber andere Menschen.
Um wirklich mit persönlichen Storys zu berühren, müssen wir unsere Angst davor sichtbar zu werden als der oder die, die wir wirklich sind, überwinden und wirklich persönlich auf der Bühne stehen.

„…an amazing example of what comedy can be. A way to visit your worst fears and laugh at them.” – Louis C.K.