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Die Macht eines Anti-Vorbildes

Ich kenne Menschen, die wissen eines ganz sicher: Was, wie und wer sie NICHT sein wollen!

Das ist auch eine Art Vorbild, sowas wie ein Anti-Vorbild.
Mit so einem Bild im Kopf weiß ich immerhin ganz genau, was ich niemals tun werde, was ich niemals sagen werde und wie ich niemals aussehen werde!

Und es ist noch viel, viel mehr:
Es ist eine (meist unerkannte) Beschränkung meiner Möglichkeiten.
Denn wenn ich vor allem weiß, wie ich NICHT handeln möchte, dann bleibt mir zum Handeln nicht viel.
Es NICHT machen zu wollen, lenkt meinen Focus auf meine Grenzen und nicht auf meine Möglichkeiten. Das ist ebenso eine Perspektive oder Leitlinie, wie es auch ein „normales“ Vorbild wäre. Nur leitet es mich vor allem zu all dem, was ich NICHT will. Mein System sucht danach, was ich NICHT tun will, damit ich vermeiden kann, es zu tun.  Da ich so viel Aufmerksamkeit darauf lenke, was ich NICHT tun will, fokussiere ich mich genau darauf und dann beginnt oft was ganz Doofes.
Entweder, ich kann gar nichts mehr (oder nur noch sehr wenig) machen oder ich mache ungeplant manchmal genau das, was ich eigentlich auf keinen Fall tun wollte.
Dann habe ich einen sehr guten Grund geschaffen, um mich selber verdammt scheiße zu finden.

Ein Beispiel dafür ist der Feminismus.
Es gibt Frauen, die wollen auf keinen Fall für eine Feministin gehalten werden (warum auch immer) und sie verbinden bestimmte Verhaltensweisen und ein bestimmtes Auftreten mit genau dem Wort, das sie auf keinen Fall im Zusammenhang mit sich selber hören möchten.
Sie wissen ganz genau, was sie auf keinen Fall tun wollen, was sie auf keinen Fall sagen wollen und wie sie auf keinen Fall aussehen wollen.
Ohne positive Perspektive, also Bilder davon, was sie statt dessen wollen, und in der Notwendigkeit unserer realen Welt, in der wir alle (auch Frauen) für unser Vorankommen im Leben selber Verantwortung übernehmen müssen (heute muss frau ihr Einkommen meistens selber verdienen), geraten diese Frauen dann in eine Zwickmühle: Sie haben nur darüber nachgedacht, was sie NICHT wollen. Sie wissen also vor allem über ihre Dont’s gut Bescheid.
Unbewusst wählen Sie dann in herausfordernden Situation das Verhalten, was sie am besten durchdacht haben, also genau das, was sie ja auf keinen Fall tun wollten. Erstaunlich oft haben sie damit sogar auch noch Erfolg.
Leider hat dieser Erfolg dann einen schalen Beigeschmack, wurde er doch auf die „falsche“ Weise erarbeitet und dieser unangenehme Beigeschmack wird am Besten mit heftiger Abwertung der Quelle all diesen Übels übertüncht – also eben der Emanzipation, dem Feminismus, anderer erfolgreicher Frauen und manchmal sogar Frauen grundsätzlich.

Dann sitze ich manchmal im Coaching, betrachte diese spannende und erfolgreiche Frau vor mir, wie sie voller Inbrunst und ganz grundsätzlich Frauen an sich schlecht macht und dabei weder bemerkt, dass sie mit einer spricht noch ihr bewusst wird, wie schlecht es ihr selber mit dieser Perspektive geht…

Zu wissen, was ich nicht tun, sein und machen will, kann ein Anfang sein – mehr nicht.
Ohne einer positiven Version des Ganzen bring ich mich mit mir selbst in große Not.

Es ist also verdammt wichtig zu wissen, was ich sein will, wer ich sein will und wie ich handeln will.
Und dabei sind echte Vorbilder ein genauso machtvolles Mittel, wie Anti-Vorbilder.
Nur dass ich mich, wenn es funktioniert hat, noch mag – und das Vorbild auch.

Manchmal ergibt sich sogar die Gelegenheit mich bei einem Vorbild, für den Wert, den dieser Mensch für mich hat, zu bedanken.
Jemandem zu sagen oder zu schreiben wie froh ich bin, dass ich immer, wenn ich denke, ich schaffe es nicht, ich werde scheitern, wenn meine Angst mächtig und mein Mut lahm wird, an genau diesen Menschen zu denken. Und dass diese Person mir dann so sehr dafür ein Beispiel ist, wie gut es ist, jemanden zu kennen, der mir vorgemacht hat, wie es geht, den Mut wieder in Bewegung zu bringen, die Angst zu besiegen und für all das so etwas wie eine Anleitung zu haben, eine „Vorturnerin“, die mir zeigt, wie ich nach einer Niederlage wieder aufstehen kann. Das alles jemandem zu sagen oder zu schreiben, der all das für mich war oder ist – lässt mich spüren, wie viel ich bereits von diesem Menschen gelernt habe und schenkt mir das wundervolle Wissen um mein Wachsen.
Und dieses Gefühl ist so großartig.
Mit diesem Gefühl im Herzen weiß ich, dass ich auch noch mehr schaffen kann.
Es schenkt mir meine Anerkennung für mich und meine Leistung.
Es gibt mir Anschub für mehr…

Das kann ein Anti-Vorbild nicht!

 

Dieser Text ist Teil der Blogparade / dem Blogkarneval von Jörg Unkrig zum Thema Vorbilder. Danke für die Einladung!