Was war zu erst da? Die innere oder die äussere Haltung?
Nee ganz ehrlich! Ich finde, das ist ’ne berechtigte Frage.

Mein Leben war in den letzten 10 Monate wahnsinnig anstrengend und meine körperliche Erschöpfung ist enorm. Es gab einen Zeitpunkt an dem ich es nicht mehr geschafft habe mich mehr als eine halbe Minute aufrecht hinzustellen.
Und NATÜRLICH war das – in meiner Wahrnehmung – vor allem körperlich und NICHT mental!
Na gut – manchmal konnte ich mir eingestehen, dass ich irgendwie auch mental, beziehungsweise emotional, etwas eingeschränkt war…

Und doch dacht ich offenbar, all das was ich meinen Teilnehmern und Klienten beibringe, habe für mich keine Gültigkeit!

… das ist echt sehr irritierend, wieso mir das immer wieder passiert … dass ich anderen Techniken zeige und Ansätze vermittle, die Ihnen helfen Herausforderungen zu meistern. Sobald ich die selber brauchen kann, fallen sie mir irgendwie nicht mehr ein …

Zurück zu meiner Frage!

Wie schon so oft, war es wieder mal Tim, mein Kollege, der mich darauf hingewiesen hat, dass ich meine Versuche meiner Erschöpfung was entgegen zu setzen, auch anders gestalten könnte.
Und als die körperliche Anspannung endlich etwas nachließ und die mental/emotionale dann plötzlich so was von deutlich wurde, hat er mich damit auch erreicht.
Durch Zufall allerdings.

Er bewies gerade einem Klienten, wie unmittelbar sich die Körperhaltung auf die Stimme auswirkt, während ich wie ein Schluck Wasser im Sessel hing. Mir fiel auf, dass ich bei jeder meiner inhaltlichen Ergänzungen auch genau wie ein Schluck Wasser klang. Viel schlimmer noch, ich habe mich wie ein Schluck abgestandenes Wasser gefühlt!

Als mir all das (ENDLICH) auffiel habe ich in meinem Sessel heimlich Tims Übungen mitgemacht. Die erste Massnahme war mich aufrecht hinsetzen und zwar trotz des tiefen Bedürfnisses zusammengesackt zu sitzen. Als zweites habe ich meine Stimme wieder bewusst eingesetzt.
Und schwups… auf der Stelle waren meine beiden Gesprächspartnern deutlich zugewandter. Und schon das hat meine abgestandenes Gefühl aufgehellt.

Nach dem unser Klient gegangen war, habe ich Tim gebeten mit mir weiter zu arbeiten. Wir haben solide Muskelverkürzungen an Stellen in meiner Schultermuskulatur gefunden, von denen mir nicht klar war, dass es auch da Verkürzungen geben kann. Meine Erschöpfung war bereits muskulär manifest geworden.

Ab da habe ich mich wieder bewusst durch meinen Alltag bewegt.
All die Tricks, die ich vor 25 Jahren in der Ausbildung gelernt hatte oder von Tim aus den Trainings und Coachings kannte, habe ich wieder im Alltag angewandt. Zum Beispiel an der Ampel offensiv losgehen oder bewusst Treppe steigen (NICHT Fahrstuhl oder Rolltreppe fahren), mich beim Sitzen aufrichten und nicht sacken lassen und so weiter und so weiter…

Und siehe da, meine Stimmung hat sich weiter aufgehellt. Das wurde dann ein PingPong-Effekt: ich habe mich wohler gefühlt, dadurch dass ich aufrechter durch den Tag gegangen bin – so wurde alles leichter, weil ich mich besser gefühlt habe (nicht weil ich in irgendeiner Weise bereits wieder Kondition aufgebaut hätte, das habe ich noch vor mir 😉 ).

Ich weiß, dass ich mein vegetatives Nervensystem angesichts emotionaler oder mentaler Herausforderungen muskulär so stimulieren und positiv beeinflussen kann, dass mein Gehirn funktionsfähig und mein Körper leistungsfähig bleibt.
Dass ich dadurch logischerweise auch meine emotionale und mentale Stabilität stärke, ist mir erst jetzt aufgegangen.

Der Mensch funktioniert nicht wie eine Einbahnstrasse. Unser Gehirn funkt nicht nur in eine Richtung.
Es wird auch durch interne Wahrnehmung beeinflusst – zum Beispiel durch sich entspannende Muskeln oder eine aufrechte Haltung. Eine natürlich gespannte Körperhaltungen signalisieren dem Gehirn „Is‘ alles nich‘ so schlimm! Entspann dich weiter!“

Am Ende ist der Mensch auch nicht einfach eine beidseitig befahrbare Strasse.Sondern so was wie eine Begegnungszone. Das sind Straßen auf denen Autos, Fahrradfahrer und Fussgänger gleichberechtigt sind.
Denn die Wahrnehmung des Gehirns (intern und extern) steuert auch unsere emotionale und mentale Haltung. Zum Beispiel reagieren wir sowohl emotional, als auch körperlich auf einen Knall hinter uns. Der Schreck verursacht sowohl körperliche, als auch emotionale Reaktionen. Beide sind an einander gekoppelt, durch das vegetative Nervensystem.

Um meine Frage von Oben selber zu beantworten, ob zuerst die äussere oder doch erst die innere Haltung da war: Beides!
Es ist immer ein Zusammenwirken aus innerer und äusserer Haltung und beide Richtungen haben Einfluss auf den jeweils anderen Bereich.

Genau das kann ich nutzen, um mich zu stärken oder, nach einer Phase der Anstrengung, wieder zu regenerieren. Ich kann muskulär meine Gefühle positiv lenken und so dafür sorgen, dass meine körperlich UND emotionalen UND mentalen Reserven wieder aufgebaut werden können. Tatsächlich, es geht!

Klar gibt es auch dafür Grenzen, so habe ich am Anfang einfach die muskuläre Kraft nicht gehabt immer aufrecht zu sitzen, mich in der Bahn nicht sofort zusammen sacken zu lassen, sondern am besten stehen zu bleiben…
Mit etwas Geduld wird das aber wieder und dann fügt sich entspannte und gestärkte Muskulatur, mentale Haltung und emotionale Ausgeglichenheit zu einer sehr gut funktionierenden Begegnungszone, in der wieder viel möglich wird.