– über Störgeräusche in der Kommunikation

„Oh nee. Ey! Maaaan. Vlaaaaaadiiiii! Was soll das? Vladiiiii! Kooomm maaal heeeer!“

Und es ist egal, wie alt Vladi ist oder ob er direkt neben mir steht. Er kann mich – erstaunlicher Weise – ganz eindeutig nicht hören!

Da stehe ich Wut entbrannt mit beiden Händen voller Apfelschalen vor dem Biomülleimer. Der so randvoll ist, dass ich auch mit viel Geschick keine einzige meiner Schalen da drauf balanciert bekommen würde. Und das obwohl es einen Deal gibt mit meinem Sohn (wahlweise kann hier auch Tochter, Frau/Freundin oder Mann/Freund eingefügt werden), der besagt dass er sich IMMER und RECHTZEITIG um den Müll kümmert.

Jahre lang habe ich an dieser Stelle die Fassung verloren, drakonische Sanktionen erfunden die ich dann – später wieder bei Verstand – niemals ausgeführt hätte und vor allem habe ich immer auf die gleiche Weise durch die Wohnung gerufen – auch, wenn er direkt neben mir stand.

Und bei Lichte betrachtet, er sah nie so aus, als wenn ihn meine Worte erreichen…

Wie geht das?

Wie kann es sein, dass sowohl der akustische Impuls als auch die Information ihn eindeutig nicht erreicht hat?

Tja. Ehrlich gesagt habe ich mich das nie gefragt!

Ehrlich gesagt habe ich einfach immer das selbe, mit immer dem selben unbefriedigenden Ergebnis gemacht.

Ehrlich gesagt hat mich erst mein Kollege Tim Laufer drauf gebracht was da passiert und wie ich es abstellen kann.

Das Phänomen heißt selektives Hören.

Gibt man selektives Hören bei Google ein scheint es, als wenn von dem Phänomen vor allem Männer betroffen seien – und zwar sowohl während einer Konversation MIT einer Frau, als auch bei Belehrungen über Ordnung und derartigen Themen DURCH eine Frau. Ausserdem scheinen sich alle sicher zu sein, dass das Phänomen irreversibel sei.

So einfach ist es zum Glück nicht.

Meistens ist nämlich die Häufung der Erfahrung noch lange kein Indiz für deren Unabänderlichkeit. Nur weil ich es noch nie anderes gemacht habe, heißt es noch nicht, dass es nicht anders geht…

Und mal ehrlich, wer hat schon Lust mit einem mentalen Zombie zu kommunizieren. Das kann es ja wohl nicht sein! Alleine diese Aussicht, sollte jede Frau dazu bewegen nach Auswegen zu suchen.

Tatsächlich funktioniert das Phänomen bei allen Menschen und es gibt für beide Beteiligten, den Überhörten und den Überhörer, Wege es abzustellen.

So fern ich der Überhörer bin reicht es das Phänomen zu kennen und dann bewusst zu entscheiden den Worten meines Gesprächspartners zu folgen. Logisch!

Wenn ich der Überhörte bin, kann ich AUCH aktiv was tun.

Ich muss eigentlich nur irgend etwas an der Art und Weise ändern, in der ich spreche!

Letztlich handelt sich bei dem Phänomen um selektive Wahrnehmung. Selektive Wahrnehmung kann durch verschiedene Einflüsse in allen Sinnen statt finden.

Zum Beispiel durch den Fokus, den ich lege. Der kann alles andere ausblenden. Passiert unter anderem, wenn ich arbeite und so konzentriert bin, dass ich alles um mich vergesse.

Oder meine Erwartung spielt mir einen Streich. Dann ist sich mein Gehirn sich so sicher was ich erleben werde, dass ich scheinbar Offensichtliches eine sehr lange Zeit übersehen und überhören kann.

Oder eben durch Gewöhnung. Dann habe ich etwas, zum Beispiel einen Sound, schon so oft gehört, dass mein Gehirn ihn als Störgeräusch aussortiert und die Information mein Bewusstsein niemals erreicht.

Genau so sieht meine kleine Tochter aus wenn ich sie rufe weil sie bitte, bitte endlich ihre Schuhe anziehen soll, damit wir los können. Ganz eindeutig erreichen sie meine Worte nicht. Und – verdammt! – das triggert mich. Manchmal so sehr, dass ich direkt hoch gehen könnte, weil ich mich absichtsvoll verarscht fühle.

ABER – und jetzt kommt es! – es gibt noch einen anderen Weg, ausser die Fassung zu verlieren. Und dieser Weg macht zu dem auch noch richtig Spaß!

Hier kommt’s: Es einfach anders machen!

Nicht wie immer rufen, sprechen oder belehren. Statt dessen so rufen, als wenn ich gerade was ganz ganz Tolles wieder gefunden habe, was wir schon lange gesucht haben oder so als wenn etwas wahnsinnig Spannendes in der Küche passieren würde.

„Boah! Irre! Vladi, Vladi, Vladi komm mal. Schau mal. Wahnsinn. Komm mal ganz schnell. Vladi!“

Und dann – ganz wichtig! – wenn er angerannt kommt, einfach sachlich auf den Müll zeigen, ansagen was ich erwarte UND alle weiteren Kommentare runter schlucken und den Raum verlassen.

Das klappt auch bei meinen Kleinen.

Ok. Offenbar nutzt es sich bei der Mittleren leichter ab. Da brauche ich viele Variationen. Aber was soll’s, so werde ich immer erfinderischer.

Einzig das Experiment, wie ich beim nächsten Date den interessierten Zombie-Blick durch variationsreiches Sprechen verhindere, steht noch aus…