Wieso Du zickig und unsympathisch wirkst, wenn Du jemanden SAGST, dass es reicht

Foto: Nina Grützmacher

Foto: Nina Grützmacher

Das müsste doch eigentlich JEDER gesehen haben! Ich meine der Typ braucht doch echt nicht die ganze Bank hier in der S-Bahn. So groß ist er nun echt nicht. Der breitet sich hier so derartig aus. Ich klebe ja schon beinahe an der Scheibe. Jetzt reicht’s…

Das kann doch echt nicht sein! Ich bin dem Vermieter vom ersten Moment an IMMER entgegengekommen und nun will er mir die Gärtnerkosten auf die Miete aufschlagen für einen Garten, den ich gar nicht nutzen kann. Jetzt reicht’s…

Wie bitte?  Hab ich richtig gehört? Hat die eben meinen Vorschlag von vor 10 Minuten einfach als ihren ausgegeben und das merkt keiner? Jetzt reicht’s, die knöpfe ich mir nachher vor…

Das kann ja wohl nicht wahr sein! Jetzt hat der seine Kaffeetasse schon wieder mit Kaffeerand auf meinem Schreibtisch abgestellt und meine Tastatur bekleckert. Jetzt reicht’s…

Was geht denn jetzt? Sie sieht doch wohl, dass ich telefoniere. Wieso kommt sie trotzdem in mein Büro? Verdammt rückt die mir auf die Pelle! Hat die mir eben auf die Schulter getippt? Jetzt reicht’s…

Sind hier alle blind und taub? Kann doch nicht sein, dass sie nicht mitbekommen, dass ich mich hier konzentrieren muss. Boah ist die Musik laut. Jetzt reicht’s…

Was nach dem „jetzt reicht’s“ kommt, klingt IMMER zickig, anstrengend und unangenehm, egal ob ein Mann oder eine Frau hier in die Luft geht.
Wenn es sehr gut läuft erntet die „Jetzt-reichts“-Person ein müdes Lächeln, meistens wird sie jedoch wie der Aggressor behandelt. Und das obwohl bei Lichte betrachtet alles Verständnis eigentlich ihrer Seite sein müsste. Schliesslich war sie ja lange geduldig und hat versucht eine friedliche Lösung zu gestalten.

Nur leider klingt NIEMAND friedlich und lösungsorientiert, wenn er sich bereits massiv bedrängt fühlt.

Wenn man sich bereits sehr bedrängt fühlt, ist der innere Stresslevel schon verdammt hoch und es ist nur noch sehr, sehr sprechtrainierten Menschen möglich eine entspannte Stimme zu haben. Allen normalen Menschen rutscht dann die Stimme hoch, wird schrill und schnell. Und das klingt einfach unsympathisch und zickig.
Für alle Unbeteiligten sind die „Jetzt-reichts“-Worte das Erste was sie von der, bis dahin stummen, Auseinandersetzung hören oder sehen und damit ist das Urteil schon gefällt:
aus heiterem Himmel so los zu plärren – sehr unsympathisch!

Zum Glück gibt es einen Ausweg!
Sogar einen höflichen und machtvollen – dummer Weise ist er unbequem.
Denn Du musst dafür Deine Haltung zu dulden und zu hoffen aufgeben.
Und das braucht etwas Mut…

Der Trick geht so:
SOFORT klar stellen, was nicht geht!
Im ersten Moment nicht höflich lächeln und nachzugeben, sondern direkt Deine Grenzen aufzeigen!

Hier die vier wichtigsten Regeln dafür:

  1. nonverbale Angriffe werden nonverbal beantwortet – NICHT inhaltlich drüber reden!
  2. Attacken müssen unmittelbar beantwortet werden – SOFORT reagieren!
  3. Höflichkeit ist eine Zier – sei FREUNDLICH, wenn Du ins Duell ziehst!
  4. nach dem Spiel ist vor dem Spiel – Du hast die Auseinandersetzung verloren? SCHWAMM DRÜBER! Du bekommst sicher eine neue Gelegenheit. Halt die Augen auf!

Wenn Du diesen Trick anwenden willst bedeutet das, Dein Knie genau da stehen zu lassen, wo es die ganze Zeit stand und dem kleinen Mann mit dem großen Geltungsbedarf nicht mehr Platz zu zu gestehen, als die halbe S-Bahnbank auf der er sitzt. Und zwar solange, bis Du entspannt aufstehst, weil Du aussteigen möchtest.

Es bedeutet dem Vermieter beim ersten Versuch Dir mehr Geld abzuknöpfen als erlaubt, direkt klar zu machen dass Du Dich wehren wirst. Auch wenn der Betrag lächerlich gering sein sollte.

Das bedeutet dass Du Deiner Kollegin laut dankst, weil sie so nett war DEINE Idee wieder aufzugreifen.

Das bedeutet dass du Deine Eingabemaus immer genau da hast, wo der Kollege gerade mit seiner Kaffeetasse deinen Schreibtisch einsauen möchte.

Das bedeutet dass Du aufstehst sobald die penetrante Kollegin deinen Raum betritt und Dich deutlich von ihr abwendest.

Das bedeutet dass Du Deinem pubertierenden Kind/WG-Mitbewohner/Partner/Kollegen den Saft abdrehst und Dich dann genau dafür entschuldigst, doch sonst hätte niemand hören können, warum jetzt und hier keine Party stattfinden kann. Anschliessend nicht Diskutieren, sondern zurück an Deine Arbeit!

Sehr Wichtig:
Vergiss Dein freundlichstes Lächeln dabei nicht!
Und mach sowas NIE, wenn Du bereits wütend bist…

UND manchmal ist es Selbstschutz und angemessen, dem riesigen Kerl die ganze S-Bahnbank zu überlassen, dem Chef die Idee zu gönnen oder zum Arbeiten in ein Kaffee zu gehen, weil Du dem Kind die Party erlaubt hattest…
Viel öfter ist es Bequemlichkeit, die uns abhält unseren Platz einzunehmen und für uns einzustehen.
Wenn Du das änderst, machst Du Dir Dein Leben auf die Dauer leichter und schonst auch noch Deine Nerven.